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Mittwoch, 4. Mai 2011

Altenpflegeeinrichtungen unter ethischen Gesichtspunkten zertifizieren.

Prof. Dr. Kohlhof
EthikColleg Mehren


Ein kürzlich geführtes Gespräch mit dem Geschäftsführer von Premiumeinrichtungen für betagte Mitbürger in Österreich, der Schweiz und Deutschland machte deutlich, dass für alle Annehmlichkeiten während des Aufenthaltes seiner "Kunden" in den angebotenen Luxusunterbringungen  gedacht wurde, wie Golfanlagen, Hallenbäder, Tenniseinrichtungen, Reisemöglichkeiten, Finanzberatungen und Schönheitsfarmen. Für alles war gesorgt, großzügig und komfortabel, liebenswert und sicher war die Devise. Die Luxussenioren brauchten auf nichts zu verzichten, sie sollten in den Seniorenstiften genauso leben wie zu Hause.

Angesichts dieser herrlichen Aussichten in eine sichere Zukunft bis zum Tod war es eigentlich nur Zeitverschwendung, sich mit der menschlichen Würde eines alternden Anvertrauten oder eines Sterbenden unter ethischen Gesichtspunkten zu befassen. Alles wurde geboten nur nicht der Nachweis, dass die Pflegekräfte (und nicht die Hostessen) dieser Heime auch einer würdegerechten Sterbebegleitung zu Diensten sind und die Menschen bis zu ihrem Ende in der Vielfalt ihrer Persönlichkeiten in Würde gerecht werden.

Was den meisten Einrichtungen fehlte, war der nachvollziehbare Beweis, dass es über Waschen, Essen und Säubern noch mehr gibt, was die Bedürfnisse eines kranken und schwachen Heimbewohners ausmacht.

Dieser fehlende Zertifizierungsaspekt wurde anerkanntermaßen von den meisten Einrichtungen bestätigt, wenngleich die Notwendigkeit  - nicht zuletzt aus Kostengründen - infragegestellt wurde und bei voller Belegung der Häuser auch von der Notwendigkeit Abstand genommen wurde. Gleichwohl hielten die meisten Heimleitungen eine erfolgreiche Ethik-Zertifizierung für die Krönung ihrer Pflegearbeit im Umgang mit ihren Bewohnern. Und umgekehrt war es für Bewohner und solche, die es einmal werden wollen, ein wertvolles Auswahlkriterium gegenüber solchen Einrichtungen, die im Umgang mit pflegeethischer Behandlung ihrer Kunden eher einen großen Bogen machen.

Können angesichts des hohen Kosten-, Zeit- und Verwaltungsdrucks überhaupt pflegeethische Aspekte realisiert werden? Reicht es nicht aus, wenn der medizinische Dienst der Krankenkassen, oftmals nach vorheriger Terminabsprache mit den Heimen, "plötzlich und unerwartet" die Einrichtungen auf ihre qualitative, organisatorische und medizinische notwendige Arbeit hin kontrolliert und das Ergebnis als tragfähig anerkennt?

Das Ethik-Management setzt ein beanstandungsloses Qualitätsmanagement voraus. Es krönt gewissermaßen die Pflegearbeit und es setzt das Qualitätsmanagement daher nicht außer Kraft. Ein gutes und funktionierendes Qualitätsmanagement sagt noch gar nichts über den besonderen Umgang mit den Menschen und ihrer menschlichen Würde, ihrer Selbstbestimmung und ihrem seelischen Wohlbefinden aus. Nur letztere Kriterien sichern auf lange Sicht die Nachhaltigkeit und die Bestandssicherheit einer Pflegeeinrichtung im Markt. Potentielle Bewohner, die die von unserem Ethik Colleg definierten Ethikstandards (s. Ethik in der Altenpflege, dbb-verlag Berlin) immer mehr als Maßstab für ihre eigenen Erfüllungsansprüche anmelden, werden schließlich die richtige Wahl für ihre künftige Altersruhestätte treffen und sich nicht alleine mit der Frage aufhalten, ob Theaterveranstaltungen, 5-Gang Menüs und sportlicher Wettbewerb angebotener Freizeitgestaltungen im Vordergrund stehen. Erst die Implementierung eines soliden und nachprüfbaren Ethik-Management-Systems garantiert in höherem Maße eine altersgerechte und menschenwürdige Behandlung betroffener Senioren. Auch nach der Befragung betroffener, ja examinierter Pflegekräfte, fehlt es zumeist an Kenntnis, Willen und Erfahrung, sowie an der Schulungsbereitschaft vieler Träger und Heimleitungen, eine ethisch unterlegte Altenpflege auf Dauer zu gewährleisten.

Wir erheben nicht den Anspruch für alle Konflikte und schwierige Entscheidungssituationen die richtige Rezeptur anzubieten, aber wir sehen, dass die Auseinandersetzung mit ethischen Standards in der Altenpflege hilft, sich überhaupt mit dieser Thematik zu befassen und dabei die Erkenntnis zu gewinnen, dass auf einem wachsenden Zukunftsmarkt immer älter werdender Bevölkerungsteile die Vernachlässigung ethischer Aspekte das Überleben nicht zertifizierter  Einrichtungen auf Dauer  gefährdet. Vielleicht werden eines Tages die Sozialversicherungs- und Pflegeversicherungsträger die Höhe ihrer Transfersätze an Pflegeheime davon abhängig machen, in welchem Umfang auch ethische Standards in den Heimen tatsächlich realisiert und umgesetzt werden.

Häufig ist es in Senioreneinrichtungen genauso wie in den Wirtschaftsunternehmen auch: solange die Betten voll, die Zimmer oder Suiten belegt sind (oder der unternehmerische Umsatz grenzenlos  steigt), besteht auch nicht die Einsicht, sich mit ethischen Standards auseinandersetzen zu müssen. Wenn der Wettbewerb der Pflegeeinrichtungen, d.h. der Kampf um die Belegung der Bettenkapazität einmal umgekehrt einsetzen sollte, dann haben die Verzichtsapostel schlechte Karten. Damit das aber nicht passiert, besteht für jedes Heim immer noch die Möglichkeit, durch ein Selbstaudit den eigenen Ethik-Standort zu ermitteln und im Falle festgestellter Defizite für entsprechende Abhilfe zu sorgen.

So gesehen dient der "Leitfaden für die Ethik in der Altenpflege" lediglich der eigenen Standortbestimmung. Das Selbstaudit oder das angebotene Fremdaudit sollen helfen, den gegenwärtigen Ist-Zustand einer Institution zu ermitteln, ihn zu protokollieren und mithilfe von Fragebögen an alle Beteiligten, die ermittelten Angaben zu verifizieren. Anschließend wird der jeweils erreichte Erfüllungsgrad eines Bewertungskriteriums festgestellt. Am Ende steht nach erfolgreicher Überprüfung und Bewertung aller Kriterien die Ethik-Zertifizierung. Diese Vorgehensweise führt zu mehr Transparenz und höherer Vergleichbarkeit der einzelnen Leistungsprofile.

Eigentlich war eine solche Orientierungshilfe längst überfällig: einmal für die Pflegebedürftigen selbst auf ihrer Suche nach einer für sie persönlich geeigneten Einrichtung als Garant für ein Stück objektivierter Lebensqualität insbesondere im Alter und zum anderen für Kostenträger, Ärzte und Pflegekassen beim Einschätzen von Einrichtungen, denen das Prädikat zuverlässig, kompetent und ethisch verantwortungsbewusst auch zusteht und nicht zuletzt für das Pflegemanagement selber, um ein positives feed back von allen Anspruchsgruppen zu erfahren. Wenn man bedenkt, dass inzwischen viele klinische Einrichtungen auditiert und ohne Zertifizierung kaum noch existenzfähig sind, weil Krankenversicherungen häufig eine weitere Zusammenarbeit von einer erfolgreichen Zertifizierung zur Grundbedingung besserer Finanzausstattung machen, dann wird vielleicht eines Tages auch der Pflegeträger eine ethische Zertifizierung zur Grundbedingung erheben und sie zur Voraussetzung für eine nachhaltige Zusammenarbeit machen.

Joachim Kohlhof